|
Der Genie-Begriff in der Epoche des “Sturm und Drangs”
In der Epoche des “Sturm und Drang” stand der Dichter als Individuum im Zentrum der Betrachtungen. Der Dichter löste dabei sich von den Regeln, die bis in die Zeit der Aufklärung galten. Herders Aufsatz über Shakespeare war einer der Grundpfeiler der neuen Literatur. Religiöse und philosophische Grundsätze sollten nicht mehr den Dichter einengen.
Entscheidend war jetzt der Dichter: Das Genie.
Der Begriff Genie wurde zunächst in England und Frankreich als Bezeichnung für außergewöhnliche Dichter angewandt. Genie stand dabei für das Talent, Intuition bzw. die Begabung eines Dichters. In Deutschland wurde der Begriff erstmals von Christian Fürchtegott Gellert benutzt.
Der Dichter wurde von seinen Anhängern in seinem Wirken häufig stark überhöht. Der Dichter galt ihnen als Gestalter einer “wahren Kunst”. Nur er gab seinen Werk einen Sinn. Die Bezeichnung Genie wurde schließlich etwas inflationär. So wurden Dichter zu Genies, deren Werke kaum höchsten literarischen Kritierien standhielten.
Kant forderte mehrere Bedingungen, die erfüllt sein müssten, ehe man jemand als Genie würdigen sollte. Die Sprache des Werks musste sich aus dem Althergebrachten gelöst haben. Neu wie die Sprache mussten auch die Themen der Dichter sein.
Eine weitere Anforderung war, das das Werk exemplarisch sein sollte. Andere Dichter könnten sich daran zwar orientieren, doch es sollte nicht möglich sein, das Vorbild zu kopieren. Zum Genie gehörte nach Kant, dass der Dichter aus sich selbst das Werk schuf, wobei es für ihn unerklärlich sei, wie das Drama sich entwickeln würde. Eine Genie konnte sagen, welche Inspiration zum Werk führte. Im Nachhinein könne er den Entwicklungsprozess nicht erklären. So war es anderen Dichtern unmöglich, ein ebensolches zu schreiben.
Goethe mag dafür Pate für diese These ein Beispiel sein. Er wurde zwar durch persönliche Erlebnisse zum Werther angeregt, doch den Text schrieb er ohne ein festes Handlungskonzept.
Später definierten Literaturwissenschaftler und Philosophen die Entstehung eines “genialen” Werkes dadurch, dass sie dafür das Unterbewusstsein des Dichters verantwortlich machten.
Literatur:
Ulrich Kurthaus: Sturm und Drang: Epoche, Werke, Wirkung München: Beck 2000 (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte.)
|