Die Leiden des jungen Werther


Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther

Hinweise zur Interpretation


Werkgeschichte:

Die Leiden des jungen Werther enthalten zahlreiche autobiographische Details aus Goethes Leben.  Die Herkunft des Namens Werther wird unterschiedlich gedeutet. Der Name gründet sich vielleicht auf Werder oder Werth (Inseln), um damit auf die Isolation der Person hinzuweisen. Auch das Wort “wert” soll Pate gestanden haben.
Goethe war vom Mai bis September 1772 Rechtspraktikant am Reichskammergericht in Wetzlar. Dort lernte er Charlotte Buff, die Tochter eines Ordensamtmannes, kennen. Sie führte nach dem Tod ihrer Mutter den Haushalt, zu dem auch 11 Geschwister gehörten. Charlotte war mit dem Gesandschaftssekretär Johann Christian Kestner eng befreundet. Goethe verehrte die Tochter des Amtmannes, was ihm auch durch die Großzügigkeit Kestners nicht erschwert wurde. Die Hoffnungslosigkeit seiner Schwärmerei veranlasste ihn schließlich, Wetzlar „fluchtartig“ zu verlassen.
Goethe lernte später die junge Maximiliane von LaRoche, die Tochter eines Darmstädter Freundes kennen. Auch ihr verfiel er. In Frankfurt traf er sie wieder als Frau eines Kaufmannes. Dieser hatte aber nicht so viel Verständnis für Goethes Schwärmerei und untersagte ihm daher den Kontakt zu Maximiliane.
Die Liebe zu den beiden Frauen, die bereits gebunden waren, war der Anlaß für seinen Roman. Ein weiterer Auslöser war das Schicksal von Karl Wilhelm Jerusalem, der sich in Wetzlar erschoss, weil er wegen der unglücklichen Liebe zu einer verheirateten Frau nicht mehr leben wollte. Goethe kannte Jerusalem aus seiner Studienzeit und war über dessen Tod erschüttert.
Goethe sagte zur Entstehung Werthers zu Eckermann: „ Es waren individuelle, naheliegende Verhältnisse, die mir auf den Nägel brannten und mir zu schaffen machten und die mich in jenen Gemütszustand brachten, aus dem der Werther hervorging. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten.“
Goethe schrieb den Werther nach eigenen Aussagen in vier Wochen, beginnend am 1. Februar 1774. Es gibt von der Erstfassung mehrere Varianten. Der erste Druck erschien anonym 1774 in Leipzig bei der Weygandschen Buchhandlung. Es erschienen in den nächsten Jahren illegale Ausgaben des Werther. Der Berliner Buchhändler Himburg veröffentlichte 1775 Goethes Werke, in denen auch der Werther erschien. Himburg passte den Text dem „Berliner Sprachgebrauch“ an und veränderte etwas den Text.
Als Goethe 1782 seinen Werther umarbeiten wollte, fand er kein Exemplar der 1. Ausgabe, und er musste sich mit einer illegalen Ausgabe von Himburg bedienen, die voller Fehler war. Bis 1786 dauerten seine weiteren Arbeiten am Werther. Er erweiterte dabei etwas die Bauernburschen-Episode und minderte die Rolle des Herausgebers. Goethe vermied es bei den neuen Fassungen, im Werther weitere Parallelen zu seinem eigenen Leben anzudeuten. 1796 plante er eine Vorgeschichte zu Werther, ließ den Plan aber fallen.
Goethes Roman wurde innerhalb weniger Jahre nach der Erstveröffentlichung in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt.


Inhalt:

Der Briefroman besteht aus zwei Teilen. Das erste Buch schildert die Zeit vom 4. Mai 1771 bis zum 3. September. Das zweite Buch beginnt am 20.Oktober 1771 und endet am 21. Dezember 1772. Die beiden Teile bestehen hauptsächlich aus Briefen, im zweiten Buch berichtet der Herausgeber über Werthers Gemütszustand.
Der junge Werther ist in einer kleinen Stadt zu Besuch, um eine Erbschaft für seine Mutter zu regeln. Der Besuch ist für ihn gleichzeitig eine Möglichkeit, sich von einem Mädchen zu lösen, deren Liebe er gewonnen hatte, ohne diese Gefühle aber zu erwidern.
Er findet Ruhe in der Betrachtung der Natur und der Menschen dieser Stadt. Dabei vergleicht er sein Leben mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Er hält seine schwärmerischen Erfahrungen und Empfindungen in einem Skizzenbuch fest. Er schildert seine Gefühle in Briefen an seinen Freund Wilhelm. Hier deutet er auch die Möglichkeit des Freitodes an, er fühlt ein „angenehmes Gefühl von Freiheit“ dieses Leben verlassen zu können.
Werther lernt Lotte kennen, die Tochter des Amtmannes. Er verfällt in schwärmerischer Liebe zu ihr. Er bewundert, wie sie bei ihren Geschwistern die Stelle der verstorbenen Mutter einnimmt. Lotte wird von allen in der Stadt bewundert.
Lotte scheint die Liebe zu Werther zu erwidern, obwohl sie mit Albert fast verlobt ist. Werther lebt für die Stunden, die er mit Lotte verbringen kann. Doch als Albert von einer Reise zurückkehrt, erkennt Werther die Hoffnungslosigkeit seiner Liebe, zumal Albert in ihm einen Freund sieht.
Wilhelm rät ihm, die Stadt zu verlassen. Werther übernimmt eine Stelle bei einem Minister, die er aber bald im Streit wieder aufgibt.
Werther kehrt wieder in die Nähe seiner Angebeteten zurück. Lotte hat inzwischen Albert geheiratet. In seiner verzehrenden Leidenschaft hat er den Gedanken, dass Albert Lotte gar nicht liebt. Er sieht nur noch einen Ausweg aus der hoffnungslosen Liebe.
Er geht zu Lotte, um Abschied zu nehmen. Am nächsten Morgen erbittet er von Lotte die Pistolen von Albert, weil er diese für eine Reise mitnehmen wolle. Lotte händigt dem Diener die Waffen aus, voller banger Befürchtungen. Sie findet nicht die Kraft, Albert davon zu erzählen. Am nächsten Morgen findet man Werther tot auf.

Interpretation / Hinweise

Vor Goethes Werther gab es in Deutschland die barocken Romane, die die adlige Gesellschaft schilderten und die Abenteuerromane eines Robinson oder Simplizissimus. Goethe schildert hier zum ersten Mal die Gefühlswelt eines jungen Menschen in seiner Zeit.
Der Briefroman schildert die Ereignisse aus der Sicht einer einzigen Person und erreicht damit eine Identifikation des Lesers mit dem Schreiber. Die Gedanken und Gefühle des Erzählers werden unmittelbarer erlebt.  Die Sprache im Werther folgte nicht mehr den Regelvorstellungen der Aufklärung.

Goethes Zeitgenossen hatten das Briefe Schreiben zu einer beliebten Mitteilungsform gemacht. Auch die Literatur hatte in der Zeit der Aufklärung den Briefroman entdeckt. Für Werther sind seine Briefe an den Freund Wilhelm ein wichtiges Kommunikationsmittel, um seine Gefühle auszudrücken.

Goethe kam zuerst mit den Briefromanen bei seinem Besuch bei Sophie von LaRoche in Berührung.  Sie war die Autorin eines bekannten Briefromans: “Geschichte des Fräulein von Sternheim”.

Das Verwenden von Briefen in Romanen war bereits ein bekannter dramaturgischer Effekt. Briefe wurden in der übrigen Handlung als Ergänzung eingebunden. Doch im eigentlichen Briefroman konnte der Autor jetzt die Äußerungen der Briefschreiber miteinander verbinden und damit einen sehr persönlichen Disput gestalten.

Doch Goethe variierte mit dem Werther die Regeln des Briefromans. Er lässt keinen Disput zu. Nur eine Person schreibt hier

Goethes Jugendroman hatte zu seiner Zeit ein überraschendes Echo in der Leserschaft, und begründete früh seine Meisterschaft. Bald folgten Übersetzungen ins Französische und Englische und andere europäische Sprachen. Goethe war von der Begeisterung der Werther-Leser in seinen späteren Jahren nicht sehr angetan. Für viele blieb er der Autor des Werthers. Seine anderen Werke zählten für die Werther-Anhänger nicht.

Goethe hatte betont, den Werther in nur vier Wochen geschrieben zu haben, ohne dabei ein Konzept bzw. Handlungsgerüst gehabt zu haben. Doch die Handlung hat eine durchgehende Struktur. Geschehnisse und Eindrücke weisen auf das Schicksal hin und begleiten es. So beginnt der Roman im Mai und Werther begeht im Winter Selbstmord. Die Hinweise auf den Nussbaum, der zunächst das einfache Leben im Pfarrhaus verdeutlichen soll, und die Fällung des Baums korrespondieren Werthers Lebensgefühl.

Das Buch wurde mit großer Ergriffenheit gelesen. Der Briefroman hatte für die Leser einen fast dokumentarischen Charakter. Viele Menschen identifizierten sich mit der Romanfigur, sie lebten sie. Die jungen Menschen kleideten sich wie Werther und Lotte. Überall tauchten auf allen möglichen Gegenständen Bilder aus dem Werther auf. Eine kritische Distanz zum Text fand nicht statt.

Werther wurde auch deshalb zum Erfolg, weil der Roman zur richtigen Zeit erschien, als der so genannte Empfindsamkeits-Stil immer beliebter wurde. Außerdem befriedigte er die Neugier seiner Leser, die genau wussten, wer die realen Vorbilder der Werther-Personen waren.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm die Literatur eine immer stärker werdende Rolle im Leben des Bürgertums ein. Das spiegelt auch der Werther wieder. Seine Personen sind immer wieder mit dem Lesen beschäftigt. Sie sprechen über Eindrücke aus ihrer Lektüre und zeigen damit auch ihre Stimmungen.

Einige Literaturkritiker sahen den Werther als „reinen Liebes- und Gefühlsroman“, andere als „Dokument der revolutionären Aufklärung“ (Georg Lukacs). Zeitgenössische Kritiker wie der Hamburger Pastor Johann Melchior Goeze sahen im Werther “den Vorboten eines künftigen ´Sodom und Gomorrha´”, und der Verleger Friedrich Nicolai verspottete Goethes Werke durch mehrere Parodien. Andere Gegner forderten gar ein Verbot des Werther.

Am Anfang ist Werther ein ruheloser, junger Mann. Interesse und Abwehr lassen ihn unstet in den Tag leben. Er meidet die Bürger, hat aber andererseits guten Kontakt zu den einfacheren Leuten des Ortes. Zufrieden ist er nur in Verbindung mit der Natur. Er verlässt deshalb immer wieder die Stadt. Homer lesend und die Natur unmittelbar erlebend, ist für ihn das Glück. Hier ist er vital und voller Begeisterung. Hier steckt er voller Pläne und will aus den Zwängen des Alltags herausfliehen. Selbstverwirklichung ist sein Ziel. Im Alltag dagegen kann er seine Fähigkeiten nicht entfalten. So scheitert er auch als Künstler, weil er nicht in der Lage ist, seine Empfindungen umzusetzen. Er überschätzt sich bei seinen künstlerischen Bemühungen, ihm fehlt dazu das nötige Rüstzeug. Er schwelgt im Selbstmitleid und sieht sich als verhinderten Künstler. Die naive Kunstbegeisterung anderer Menschen sieht er mit Unwillen und verurteilt sie. Doch eigentlich ist er genauso, wie die von ihm kritisierten Kunstfreunde.

Seine Begegnung mit Lotte verändert sein Leben schlagartig. Seine Schwärmerei und seine Liebe ist überwältigend. Werther schreibt: “ich weiß weder, dass Tag noch Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich her.” Albert, der Verlobte Lottes, ist nicht eifersüchtig auf den Verehrer seiner Frau. Albert ist eine besonnener und umsichtiger Mann, der taktvolles Vertrauen den Beiden gegenüber hat. Im Gegensatz zu Werther ist er musisch vollkommen unbegabt. Werther kann diesen Zustand bald nicht mehr ertragen. Auf Anraten seines Freundes Wilhelm verlässt er den Ort.

Werther arbeitet anschließend in einer Gesandschaft. Hier erlebt er den Konkurrenzkampf der Bediensteten, die Karriere machen wollen. Auch mit den Vertretern des Adels kommt Werther nicht zurecht. Diese lassen ihren Standesdünkel gegenüber dem Bürgerlichen deutlich spüren.

Er muss einfach wieder zu Lotte zurückkehren, die inzwischen Albert geheiratet hat. Dem Ehemann bescheinigt er eine gewisse Gefühlslosigkeit. Werther steigert sich in seinen Gefühlen zu Lotte immer mehr, erkennt aber auch die Vergeblichkeit seines Werbens. Er beginnt im Tod Erlösung zu sehen. Auch die Natur kann ihn nicht mehr trösten. Inzwischen duldet Albert nicht mehr das Verhältnis zwischen seiner Frau und Werther. Sie soll sich nicht mehr dem Gerede der Leute des Ortes aussetzen.
Werther trifft noch ein Mal mit Lotte zusammen. Sie sind sich ein letztes Mal nah. Werther empfängt von Lotte zwei Pistolen, die er sich von Albert ausgeliehen hatte. Lotte ahnt, was Werther vorhat. Werther erschießt sich am Tag vor Weihnachten. Seine Hoffnung, dass es ein Wiedersehen nach dem Tod gibt. Der Tod des jungen Bauernburschen, von dem Werther kurz vorher erfahren hatte, erschüttert ihn und bestätigt ihn in seiner selbstzerstörerischen Gemütsverfassung. Hat er zu Beginn sein Leben mit den Jahreszeiten verglichen, so sieht er das Jahresende, den Winter, als Schlusspunkt seines Lebens an.

Um seinem Werther einen dokumentarischen Charakter zu geben und damit seine Wirkung zu verstärken, erfand Goethe einen Herausgeber, der durch seinen Bericht auch die Authenzität der Briefe zu beglaubigen scheint. “Die Leiden des jungen Werther” wurde stilbildend für die weitere deutsche Sprache. Goethe schrieb hier so intensiv und sprachlich vielfältig, wie es bisher nicht geschehen war. Er befreite die deutsche Sprache vom engen Korsett alter überkommener Traditionen.

Der Selbstmord Werthers war zur Zeit Goethes sehr umstritten. Der Dichter nahm zur Selbsttötung Werthers keine Stellung. Zu dieser Zeit wurde Selbstmord als Verbrechen betrachtet, der auch von der Kirche geächtet wurde. Ein englischer Bischof geißelte das Buch als “verdammenswert” und Anleitung zum Selbstmord. Ob Menschen tatsächlich nach der Lektüre des Werther Selbstmord begingen, ist umstritten.

Goethes Werther hatte sich von den Vorstellungen der Aufklärung und der Religion entfernt. Werther sucht keinen Trost im Glauben. Obwohl im Text immer wieder Hinweise auf Textstellen aus der Bibel vorkommen, bleibt Werther ein religionskritischer Roman. Werther bleibt ein Mensch, der als Individuum das Schicksal in die eigene Hand nimmt.

Werther ist nicht nur von der Vergeblichkeit seiner Liebe niedergedrückt. Ihn erfasst auch ein tiefer Lebensekel. Ein Gefühl, dass junge Menschen erfasst, wenn sie die täglich wiederkehrenden Zwänge als sinnlosen Kreislauf ansehen.
Werther rechtfertigt seinen Selbstmord auch dadurch, dass er ihn mit der Natur in Einklang bringt. Die Natur bringt Leben und zerstört es. Die fast religiöse Vorstellung bringt ihm Trost.

Goethe empfand die Natur als einen Teil seiner eigenen Persönlichkeit. Er fand in der Begegnung mit der unverfälschten Natur neue Kraft. So war Goethe bei Wind und Wetter unterwegs und genoss die Landschaft. Goethe erlaubt es seinem Werther aber nicht, Kraft und Inspiration in der Natur zu finden. Im ersten Teil erlebt Werther die Natur als wohltuend. Im zweiten Teil erkennt er aber, dass die Natur auch Tod und Zerstörung bringen kann. Damit verdeutlicht der Briefroman die düstere Stimmung Werthers, als er die Sinnlosigkeit seiner Liebe erkennt.

siehe auch:
Sturm und Drang


Literatur:

Die Leiden des jungen Werther Reclam 1997 (Reclam-Klassiker auf CD-ROM ; 2)

Bernhardt, Rüdiger:
Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther
Hollfeld: Bange 2002

Blessin, Stefan:
Johann Wolfgang Goethe ; Die Leiden des jungen Werther. 2. Aufl.
Diesterweg 1986

Brinckschulte, Eva:
Erläuterungen zu Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. 2. Aufl. Bange 1979

Karthaus, Ulrich:
Sturm und Drang; Epoche, Werke, Wirkung
München: Beck 2000
(Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte.) (darin: Goethes größter Bucherfolg. S. 181-191.)