Goethe in Weimar


Johann Wolfgang von Goethe in Weimar

Das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach hatte zu dieser Zeit hohe Staatsschulden. Als Regentin herrschte Herzogin Anna Amalia über das Land. Weimar hatte sich unter ihrer Regentschaft zu einem Treffpunkt für Schriftsteller und andere Kunstschaffende entwickelt. Der “Weimarer Musenhof” war der Schauplatz für bedeutende literarische und künstlerische Veranstaltungen.

Am 3. September 1775 übernahm der Sohn Anna Amalias, Carl August, die Herrschaft über das Herzogtum. Die angesehene Weimarer Kulturlandschaft und seine Freundschaft zum Herzog veranlassten Goethe, nach Weimar umzuziehen. Carl August ernannte Goethe zum Geheimen Legationsrat. Somit stand Goethe, als Mitglied im Geheimen Conseil, dem Fürsten als Berater zur Seite. Die Entscheidung des Fürsten fand im Weimarer Adel keine große Begeisterung.

Carl August zeichnete 1782 seinen Freund Goethe dadurch aus, indem er Kaiser Josef II. bat, den Dichter in den Adelsstand zu erheben. Goethe diente in den nächsten Jahren in verschiedenen Funktionen, u.a. auch als Finanzminister.

Goethe verlor bei der täglichen Regierungsroutine zunächst nicht seine literarischen Arbeiten aus den Augen. Er organisierte Veranstaltungen, schrieb kleine Theaterstücke und trat sogar im Weimarer Hoftheater als Schauspieler auf.

In Weimar begegnete er Charlotte von Stein. Die gebildete Frau und der ungestüme Dichter trafen sich in den folgenden Jahren immer wieder zum Gedankenaustausch und führten einen regen Briefwechsel. Goethe, der eigentlich mehr als geistige Nähe wünschte wurde von der strengen Charlotte von Stein immer etwas auf Distanz gehalten.

Während dieser Zeit legte Goethe etwas von seinem “unbändigen Wesen” ab und seine Lyrik wurde “ruhiger”. Goethe nannte später seine ersten Weimarer Jahre eine Zeit der inneren Reifung. Das zeigte sich auch bei seinen naturwissenschaftlichen Forschungen, die er in Weimar begann. Er bemühte sich dabei intensiv um Fragen der Geologie, der Botanik und der Anatomie. Goethe blieb bei seinen Forschungen nicht nur an der Oberfläche eines Themas.

In Jena lehrte zu dieser Zeit der Anatom Justus Christian Loder, der Goethe zu anatomischen Studien anregte. Goethe entdeckte dabei 1784 den menschlichen Zwischenkieferknochen, der auch bei den Tieren vorhanden ist. Er vermutete deshalb, dass es früher eine Verbindung zwischen Mensch und Tier gegeben haben muss. Eine These, die Theologen zu Goethes Zeit vehement ablehnten.

Goethe empfand nach Jahren die Regierungszeit immer belastender. Es blieb ihm immer weniger Zeit für sein literarisches Schaffen. So bat er am 3. September den Herzog um einen längeren Urlaub. Der Herzog gab der Bitte nach, und Goethe reiste nach Italien.

Voller Begeisterung beschrieb er in seinem Reisetagebuch seine Begegnung mit der italienischen Kultur. Bewundernd schilderte er die Bauwerke der Renaissance und der Antike. Dabei schätzte er die Bauten des Renaissance-Architekten Andrea Palladios besonders.

Am 29. Oktober traf Goethe in Rom ein und besuchte in den nächsten Monaten die Sehenswürdigkeiten der Ewigen Stadt. Am 22. Februar 1787 verließ er Rom, um Süditalien zu bereisen. Neapel, der Vesuv und Sizilien waren Stationen seiner Betrachtungen und Forschungen. Im Juni des Jahres kehrte er wieder nach Rom zurück und blieb noch bis Ostern 1788. Goethe empfand seine Italienreise als eine “Wiedergeburt”, als ein Prozess der Selbstfindung.

Goethe hatte in Italien auch Zeit, mehrere Theaterstücke zu vollenden. “Iphigenie”, “Egmont” und “Torquato Tasso” erhielten ihre endgültige Fassung.

Als Goethe nach Weimar zurückkehrte, wollte er sich nicht weiter in die tägliche Verwaltungsroutine einbinden lassen. Er wollte mehr Zeit für seine Schriftstellerei und Forschungen haben. Der Herzog kam dieser Bitte nach und erteilte Goethe die Aufsicht über die Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen des Landes.

Goethe hatte sich durch seine Erlebnisse so verändert, dass er sich in Weimar nicht mehr so heimisch fühlte. Am 12. Juli 1788 begegnete er in Weimar Christiane Vulpius. Sie war eine Frau aus einfachen Verhältnissen und arbeitete als Näherin. Wenig Tage später zog sie zu Goethe. Wieder hatte die adlige Gesellschaft ihren Skandal. Der berühmte Dichter hatte ein Verhältnis mit einer Frau aus niederen Kreisen. Außerdem offenbarte Goethe seine Liebe zu Christiane Vulpius in ziemlich freizügigen Versen. In den “Römischen Elegien” tauchte kaum verschlüsselt die Gestalt Christianes auf. Die Erotik und die beschriebene Sexualität so zu präsentieren, war damals nicht nur in Weimar ein Skandal. 1789 brachte Christiane Vulpius Sohn August zur Welt.

Trotz aller sittlichen Empörung der Bürger Weimars blieb Goethe in der Stadt. Ab 1791 wurde das Weimarer Hoftheater unter seiner Leitung zu einer der führenden Bühnen. Goethe sorgte mit seinen Spielplänen für ein abwechslungsreiches Programm. Unterhaltendes und anspruchsvolles Theater wurden dem Publikum geboten. Dazu kamen noch Opern-Aufführungen. Goethe stellte auch Werke Shakespeares immer wieder ins Programm.

Goethe blieb neben seiner Theatertätigkeit noch Zeit für naturwissenschaftliche Studien. Er beschäftigte sich mit Problemen der Optik und der Morphologie der Pflanzen. Er setzte auch seine Untersuchungen zur Farbenlehre fort, die er bereits in Italien begonnen hatte.